Samstag, 24. Oktober 2009

Über die Schönheit

Unsere Kultur ist eine Kultur der Bilder geworden, und alles kann zum Bild werden. Seit jenem explosiven Moment der Moderne zu Anfang dieses Jahrhunderts haben wir mit Nachdruck darauf hingearbeitet, die überkommenden Formen der Kunst und der Gesellschaft zu durchbrechen. Der Bruch mit der Tradition begann verheißungsvoll: Expressionismus, Kubismus, Dada, die Surrealisten – überall öffneten sich scheinbar neue Wege. Doch was zunächst wie die Erkennungsmelodie einer neuen Epoche anmutete und die Realisierung aller Utopien versprach, entpuppte sich nun als deren Auflösung durch die Erfüllung jeder denkbaren (und auch der undenkbaren) Idee. Wir pulverisieren alle Unterschiede. Alles wird auf den größten gemeinsamen Nenner gebracht, verliert jede Besonderheit und jeden Unterschied. Alles ist Kunst. Alles ist von Bedeutung. Alles ist schön. Wenn aber alles schön ist, dann stellt sich die Frage der Schönheit nicht mehr. Wenn alles Kunst ist, dann ist nichts mehr Kunst, und das Wort verliert seinen Sinn. Warhols Campell-Dose steht symbolisch für diese Entwicklung: Die ganze Bedeutungslosigkeit der Welt wird ästhetisch verklärt. Kann es etwas unwichtigeres als eine Suppendose geben? "Die Kunst hat sich nicht in einer transzendenten Idealität, sondern in einer allgemeinen Ästhetisierung des Alltagslebens abgeschafft, sie ist zugunsten einer reinen Zirkulation der Bilder in einer Transästhetik der Banalität verschwunden" (Jean Baudrillard).

Nichts widerspricht sich mehr, die Bilder tauchen auf und verschwinden wieder, ohne Bezugspunkt zueinander, in vollkommener Indifferenz gegenüber dem eigenen Gehalt. Das Stadium der Befreiung der Bilder ist auch das ihrer Indetermination. Kein Mangel, kein Verbot, keine Grenze: das Bedeutet den Verlust jedes referentiellen Prinzips. An diesem Punkt, an dem sich jede Idee erfüllt und jedes Bild virtuell möglich ist, sind wir zur Gleichgültigkeit verdammt. Sowohl in der Werbung, als auch in der Kunst liefern wir uns nichts weiter als ein opportunistisches Spiel mit der Welt und zugleich mit allen vergangenen Formen der Kunstgeschichte. Zwar erheben die Bilder den Anspruch darauf, sublim zu sein, indem sie sich auf eine zweite, ironische Ebene begeben, aber auf dieser zweiten Ebene sind sie genauso unbedeutend wie auf der ersten. Mittelmäßigkeit in zweiter Potenz. Wir flüchten vor der Sinnlosigkeit (der großen Herausvorderung dieses Jahrhunderts), indem wir einfach allem einen Sinn zusprechen. Wir verfolgen nur eine kommerzielle Strategie der Nichtigkeit, "die sentimentale Form der Ware", wie Baudelaire sagte.

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