Fotografie ist eine Bildsprache, die einzige Sprache, die überall in der Welt verstanden werden kann. Das macht sie wertvoll und einzigartig. Doch so wie das gesprochene oder geschriebene Wort intelligent eingesetzt werden kann, um Wissen zu vermitteln, Ideen auszutauschen und den Geist zu stimulieren oder aber dafür, als Geplapper verschwendet zu werden, so kann Fotografie dem Betrachter etwas Wertvolles geben oder seine Zeit mit visuellem Blabla vergeuden. Die wichtigste Eigenschaft der Fotografie ist also ihr Inhalt.
Eine andere herausragende Tatsache ist, dass im Gegensatz zur bedruckten Seite eine Fotografie auf einen Blick »gelesen« werden kann – und die Leute scheinen immer unruhiger zu werden, ungeduldig darauf zu warten, dass es weiter geht. Die Sprache der Wörter – das Lesen – ist langsam und verliert allgemein an Bedeutung zugunsten der Sprache der Bilder in Fernsehen, Werbung und Fotografie. Umso mehr muss man darauf achten, dass eine Fotografie »gut« ist, das heißt wirkungs- voll.
Leider beurteilen die meisten Menschen die Wirkung einer Fotografie nach deren technischer Ausführung. Wenn sie scharf ist und die Farben natürlich sind, hält man sie für gut. Sonst nicht. Meiner Meinung nach ist das so, wie wenn man die Arbeit eines Autors nach der Richtigkeit der Grammatik und der Rechtschreibung beurteilt, denn selbst eine technisch perfekte Fotografie kann ein langweiliges und bedeu- tungsloses Bild sein. Ich persönlich halte die Kamera für das Äquivalent zur Schreib- maschine eines Romanautors oder Journalisten – sie ist ein für unseren Beruf unver- zichtbares Instrument, vom dem man kein Aufhebens machen sollte.
Andreas Feininger
Die Kamera gilt allgemein als autonomes Auge, dessen Mechanik der des menschlichen Auges entspricht. Und die Photographie erscheint uns Äquivalent zu den Reflexen der Welt, die sich auf unserer Retina widerfinden. Also glauben viele, die Photographie sei eine säkularisierte Form der Realität, eine objektivere Reinkarnation der Wahrnehmung, da das fixierte Bild im Gegensatz zu dem Bild in unserem Kopf nicht dem Einfluß des Einzelnen unterliegt, sondern durch die Trennung des Bildes vom Geist den Bildinhalt auf eine höhere, reinere, und damit objektivere Ebene transzendiert.
AntwortenLöschenDoch mit jedem menschlichen Auge verbindet sich ein anderer Erfahrungsschatz, der stärker auf der Bindung von innerer und äußerer Welt beruht als auf der Verbindung von äußerer Welt und ihrer Rezeption durch Photographie. In dieser Bindung zwischen innerer und äußerer Welt sind laut Leonardo da Vinci die Augen das Fenster zur Seele. Die Augen enthüllen unser wahres Ich. Folglich erklärt sich der Photograph durch die Art und Weise, wie er die Welt zeigt. Betrachten wir eine Photographie, erfahren wir unweigerlich, wie der Photograph die Welt in dem Moment empfunden hat, als die Aufnahme entstanden ist. Wir erfahren es durch die Wahl des Motivs, durch die Wahl des Lichtes, durch die formale Auffassung. Wir erfahren es durch die Haltung, die der Photograph der Welt gegenüber einnimmt.
Eine Photographie enthüllt also genausoviel über den Photographen wie über den abgelichtete Moment. Denn da der Photograph seine Haltung in seinen Bildern offenbart, kann man vernünftigerweise auch annehmen, daß wir diese Haltung auch in den anderen Bereichen seines Lebens wiederfinden.